Der Preis des Lebens
Letzten Mittwoch habe ich mir auf ServusTV die Dokumentation “Dying for Everest” angesehen und musste mich dabei wieder einmal über die Menschheit ärgern. Diese Dokumentation handelte von einem beidseitig Bein-amputierten Menschen (Mark Inglis), der als erster Mensch mit zwei Bein-Protesen den Mount-Everest bezwang aber nur kurz dafür bejubelt wurde. Denn als wenige Tage später bekannt wurde, dass er dabei einem beinahe toten Menschen nicht rettete und ihn nicht ins Tal brachte, wurde er dafür mit Missachtung gestraft.
Was mich dabei so stört ist nicht die Tatsache, dass Inglis nicht versucht hatte den anderen Bergsteiger zu retten. Nein, es ist die Tatsache dass Leute die nicht dabei waren völlig unqualifizierte Wortmeldungen abgaben. Natürlich sollte man immer versuchen ein Menschenleben zu retten, aber man muss auch den dafür nötigen Aufwand mit einberechnen. Bei wirtschaftlichen Entscheidungen wird dafür auch eine “Kosten-Nutzen-Rechnung” heran gezogen und ähnlich muss das auch bei Menschenleben funktionieren. Immerhin lag dieser halbtote am Mount-Everest und eine Bergung hätte mehr Leben kosten können, als sie gerettete hätte.
Bei Unfällen mit einer großen Anzahl an Verletzten funktioniert das ähnlich. Als erstes werden die Verletzten nicht versorgt, sondern nach der Schwere ihrer Verletzungen in Gruppen eingeteilt und zu den Versorgungs-Stationen gebracht wo sie später auch versorgt werden. Dabei gibt es eben auch eine Station in der die – hart ausgedrückt – hoffnungslosen Fälle kommen. Menschen also, welche noch leben, sich der Aufwand aber nicht lohnt sie zu versorgen da sie zu viele Ressourcen benötigen, welche bei weniger schwer verletzten Personen benötigt werden. Verständlich? Ansonten ist das hier gut erklärt. Einfach ausgedrückt: Menschen werden einfach liegen gelassen und sterben langsam vor sich hin ohne versorgt zu werden.
Als wir dieses Thema bei unserer Ausbildung zum Sanitäter durchmachten, war die Aufregung groß. “Man kann doch nicht einfach einen Menschen so sterben lassen” hörte man da von einigen. Glaubte ich auch, doch manchmal muss man eben abschätzen können ob sich dieser Aufwand noch lohnt und in vielen Fällen lohnt er sich eben nicht mehr.
Im Rettungsdienst ist man des öfteren mit solchen Entscheidungen konfrontiert. Macht es noch Sinn einen Menschen künstlich am Leben zu halten, wenn dieser alleine nicht mehr überleben könnte? Oder was passiert mit dem Menschen, wenn er erfolgreich reanimiert wurde, sein Gehirn zuvor aber mehrere Minuten ohne Sauerstoff auskommen musste? Er wäre vermutlich danach ein Pflegefall und wäre wohl bis zum Tod an ein Bett gefesselt. Auch mit diesen Menschen hatte ich in den letzten Monaten fast täglich zu tun. Ich fragte mich dabei oft, ob es nicht besser wäre diese Menschen von ihrem Leben und Leiden zu erlösen und sterben zu lassen. Natürlich ist das für die Angehörigen ein schwerer Verlust, doch schmerzt es nicht noch viel mehr wenn man einen geliebten Menschen leiden sieht?
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